Run-off der Generali, wirklich ein Drama?

Für die Medien ein großes Problem

Es wird von einem Branchenerdbeben, einer Bankrotterklärung oder sogar von einem Sündenfall der Lebensversicherung gesprochen. Eigentlich ist der Verkauf der Generali-Leben in den Run-off der Viridium Gruppe nicht abgeschlossen. Die Genehmigung der BaFin zu dem Milliardendeal liegt verständlicher Weise immer noch nicht vor, denn sowohl Befürworter als auch Gegner beäugen die Aufsichtspflicht der BaFin mit Argusaugen. Da möchte eine Behörde keinen Fehler machen. Bis dato wurden in Deutschland nur kleinere Lebensversichungs-Kundenbestände (unter 100.000 Lebensversicherungsverträge) von kleineren Versicherungsgesellschaften in den Run-off Markt verkauft, aber mit der Generali tritt nun ein Schwergewicht in den Ring. Über 4 Millionen Verträge sind betroffen. Für die Medien in der häufig eher uninteressanten Sommerpause ein gefundenes Fressen. Die Gemüter sind jedenfalls erhitzt. Politiker sprechen von einem Image- und Vertrauensverlust in Bezug auf die wichtige privatwirtschaftliche Säule unserer Rentenpolitik und betroffene Generali-Versicherte werden immer weiter verunsichert.

Bestandsübertragungen sind nicht neu

Eins ist klar, ein Run-off ist ein legales Geschäft. Versicherungsbestände dürfen verkauft werden. Früher waren Bestandsübertragungen nicht so offensichtlich, dafür gab es Fusionen diverser Versicherungsunternehmen, manchmal auch nur einziger Sparten (Leben, Kranken, Sach), die nach anfänglicher Selbstständigkeit und Eigenidentität über die Jahre in einer neuen Konzernstruktur fast vollständig absorbiert wurden. Beispielsweise wurde die private Krankenversicherung Berliner Verein in den 90er Jahren zur Berlin Kölnischen Krankenversicherung und später zur Gothaer Krankenversicherung, alleine durch Bestandszusammenführung. Bestandsverkäufe sind im großen Stil nicht neu. Neu ist lediglich, dass man Bestände wie bei Viridium nur noch verwalten möchte, ohne einen etwaigen Anspruch auf Gewinnung von Neukunden zu haben.

Der klassische Lebensversicherungskunde bleibt auch bei den etablierten LV-Unternehmen immer mehr auf der Strecke. Dem Produkt fehlt es an früheren Anreizen wie Steuervergünstigungen und hohen Garantiezinsen. Wenn man bedenkt, wie hoch die Vertriebskosten in der Versicherungswirtschaft sind und wieviel Geld die Generali für über 4 Millionen Lebensversicherungsverträge an unzählige Vertriebspartner in den Jahren des Aufbaus zahlen musste, kann der Abverkauf in dieser Größenordnung nur mit einem erhöhten Geldbedarf der Generali erklärt werden. Für die Viridium Gruppe ist es jedenfalls ein gutes Geschäft. Vier Millionen Kunden in kürzester Zeit bekommen, ohne eine Provisionszahlung zu tätigen. Und hinter der Gruppe steht eine große Rückversicherung, also letztendlich doch nur ein Deal unter Versicherungskonzernen.

Für den Versicherten ändert sich erstmal nichts

Den verkauften Lebensversicherungsverträgen passiert erstmal nichts. Laut Gesetzgeber müssen alle erworbenen Rechte erhalten bleiben. Die BaFin soll es am Ende überwachen. Vielleicht ist der Verbleib in einem modernen Run-off die bessere Alternative, als das Ausharren in einem angeschlagenen großen Versicherungskonzern, der im Bereich der Verkäufe und Fusionen von Versicherungsunternehmen früher selbst sehr rege war.

In England ist ein Run-off unspektakulär

In England sind Run-off Geschäfte in den letzten zehn Jahren an der Tagesordnung, wobei die Engländer über keine vergleichsweise Aufsicht wie die BaFin in Deutschland verfügen. Bei einer Umfrage unter Engländern, die vor ungefähr zehn Jahren in einem Run-off gelandet sind, wird hauptsächlich die Abnahme der Serviceleistung moniert, die mit der Länge der Verweilzeit im Run-off, sich zunehmend verschlechtert haben soll. Abnutzungserscheinungen besonders im Service sind aber anderen Branchen auch nicht fremd. Nur die neuen Besen kehren eben gut.