Der Grad der Berufsunfähigkeit im Schadensfall

Keine einheitlichen Regelungen

Um eine BU-Leistung von einer Berufsunfähigkeitsversicherung zu erlangen, muss der im Tarif vorgegebene BU-Grad erreicht werden. Mittlerweile hat sich die „50-Prozent-Schwelle“ als Marktstandard herausgebildet. Liegt beim Versicherten eine nachgewiesene Berufsunfähigkeit von 50 Prozent oder mehr vor, so ist der Leistungsfall eingetreten und die Versicherung zahlt die Rente zu 100 Prozent aus. Wer unter dem BU-Grad von 50 Prozent bleibt, erhält gar nichts. Alternativ bieten die BU-Versicherungen auch sogenannte Staffeltarife an. Hier gibt es beispielsweise bei einem BU-Grad von 25 Prozent die halbe Rente und ab 75 Prozent die volle Rente.

BU-Grad ist der Kern der Leistung

Das Wesentliche in einem BU-Leistungsfall ist die Ermittlung des BU-Grades. Laut dem Analystenhaus Morgen & Morgen werden ein Drittel der Leistungsfälle wegen nicht Erreichen des BU-Grades abgelehnt. Nach einer aktuellen Stichprobe von Franke und Bornberg führt ein zu geringer BU-Grad sogar zur Hälfte aller Ablehnungen.

Keine einheitlichen Definitionen

Der Begriff der Berufsunfähigkeit in der Berufsunfähigkeitsversicherung ist nicht zu vergleichen mit den Ausführungen der gesetzlichen Rentenversicherungen. Invaliditätsgrad oder ein offizieller Behinderungsgrad sind bestenfalls Indizien und reichen für die Begründung eines Leistungsfalles in der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung nicht aus. Selbst in der privaten Krankenversicherung unterscheiden sich die Begrifflichkeiten von denen der privaten BU. Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit und Berufsunfähigkeit werden seitens der privaten BU und der privaten Krankenversicherung verschieden bewertet. Kommt wohlmöglich noch die Sicht der gesetzlichen Krankenversicherung hinzu, ist das Chaos perfekt.

Nicht nur der zeitliche Aspekt zählt

In der Praxis wird im BU-Leistungsfall von der Versicherung geprüft, welche Bereiche des zuletzt ausgeübten Berufs noch erbracht werden können. Für die Bewertung des BU-Grades stellt das natürlich eine Menge Spielraum für alle Beteiligten dar. Eine oft benutzte Bewertungsmethode richtet sich nach dem zeitlichen Arbeitsaufwand, der vom Versicherten noch erbracht werden kann. Diese rein quantitative Bewertung wurde vom BGH in 2017 allerdings in Frage gestellt. Seitdem muss auch eine qualitative Bewertung der Einschränkungen erfolgen. Wenn die Einschränkung einer Einzelverrichtung ein untrennbarer Bestandteil eines beruflichen Gesamtvorgangs ist, dann kann richtigerweise nicht nur ein zeitlicher Aspekt über den Grad der Berufsunfähigkeit entscheiden. Wer zum Beispiel einen Kiosk betreibt und morgens eine Stunde einkaufen muss und schwere Kisten dabei schleppt, könnte schon bei einem geschädigten Rücken berufsunfähig sein, auch wenn der Einkauf nur einen kleinen Teil der Arbeitsleistung ausmacht. Der Einkauf ist wesentlich, ohne die gekaufte Ware funktioniert der Kiosk nicht über den Tag, auch wenn der Versicherte dort nur schonend hinter der Verkaufstheke sitzt.

Mehr Gerichtsprozesse zu erwarten

Grundsätzlich ist die Würdigung der Arbeitsleistung nach allen Gesichtspunkten eine gute Sache, führt aber auch dazu, dass wegen der unterschiedlichen Bewertungsmöglichkeiten von Versicherten und Versicherungen in Zukunft noch mehr Gerichte angerufen werden.

Die individuelle berufliche Situation muss von jedem behandelnden Arzt und auch von jedem Gutachter genauestens gewürdigt werden, bevor ein BU-Grad festgesetzt wird. Der Versicherte sollte in seinem Leistungsantrag seine Arbeitstätigkeit detailliert beschreiben, zeitliche Quantitäten auflisten und qualitative Bereiche besonders hervorheben. Ungenauigkeiten führen zu Zeitverzögerungen im Leistungsfall und landen wohlmöglich vor Gericht.